Der Philosoph Erich Fromm veröffentlichte 1941 ein Buch mit einem bemerkenswerten Titel: Die Furcht vor der Freiheit. Der Titel irritiert bis heute. Freiheit gilt schliesslich als etwas Erstrebenswertes. Weshalb sollte ein Mensch Angst vor ihr haben?
Fromm schrieb sein Buch in einer Zeit, in der Europa von Diktaturen erschüttert wurde. Seine Beobachtung war ebenso einfach wie unbequem: Viele Menschen wünschen sich Freiheit, solange sie abstrakt bleibt. Sobald Freiheit jedoch bedeutet, selbst entscheiden und Verantwortung übernehmen zu müssen, wird sie anstrengend.
Wer die öffentliche Debatte verfolgt, könnte meinen, Fromm habe sein Buch erst vor wenigen Jahren geschrieben.
Freiheit gehört zu den grossen Errungenschaften moderner Gesellschaften. Die meisten von uns können ihren Beruf wählen, ihre Meinung äussern, ihren Lebensweg gestalten und ihre Überzeugungen frei entwickeln. Viele Generationen vor uns hätten davon nur träumen können.
Gleichzeitig bleibt die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen erstaunlich stark. Wer die Welt in Gut und Böse einteilt, Schuldige benennt oder einfache Lösungen verspricht, findet oft mehr Aufmerksamkeit als jemand, der auf Zwischentöne verweist.
Vielleicht liegt darin ein Hinweis auf eine Wahrheit, die nicht immer angenehm ist. Freiheit bedeutet nicht nur Möglichkeiten. Sie verlangt auch, Entscheidungen zu treffen und die Folgen des eigenen Handelns zu tragen.
Gerade darin liegt ihr Wert, auch wenn sie uns nicht immer das Leben leichter macht.
Die Freimaurerei beschäftigt sich seit ihren Anfängen mit dieser Form der Freiheit. Gemeint ist dabei nicht in erster Linie politische Freiheit, so wichtig diese auch ist. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Freiheit des Denkens und die Freiheit des Gewissens.
Viele Freimaurer:innen kennen die Erfahrung, dass manche Überzeugungen, die ihnen früher selbstverständlich erschienen, im Laufe der Jahre weniger eindeutig werden. Nicht weil alles beliebig wäre, sondern weil das Verständnis für andere Sichtweisen wächst. Freiheit zeigt sich dann nicht darin, an einer Meinung festzuhalten, sondern darin, sie überprüfen zu können.
Wer längere Zeit in einer Loge verbringt, begegnet Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Überzeugungen. Einigkeit ist dabei nicht das Ziel. Wichtiger ist die Bereitschaft zuzuhören, nachzufragen und die eigene Sicht nicht vorschnell für die einzig richtige zu halten.
Freimaurer:innen sprechen oft von Freiheit. Sie meinen damit jedoch nicht die Freiheit von Bindungen, sondern die Freiheit, Bindungen bewusst einzugehen. Freundschaft, Verantwortung, Familie, Beruf oder gesellschaftliches Engagement gewinnen ihren Wert gerade dadurch, dass sie nicht erzwungen sind.
Darin liegt vielleicht auch die Verbindung zwischen Freiheit und Orientierung, von der im ersten Artikel die Rede war. Wer nicht weiss, wofür er steht, erlebt Freiheit leicht als Beliebigkeit. Wer hingegen eigene Werte entwickelt hat, findet in ihnen einen inneren Kompass.
Die Loge Tres Libertates trägt die Freiheit bereits im Namen. Damit ist nicht die Freiheit gemeint, tun und lassen zu können, was man möchte. Gemeint ist eine anspruchsvollere Form der Freiheit: die Freiheit, selbst zu denken, nach dem eigenen Gewissen zu handeln und zugleich die Freiheit anderer Menschen zu achten.
Die Loge versteht sich dabei nicht als Rückzugsort vor den Fragen der Welt. Sie möchte vielmehr einen Raum schaffen, in dem Menschen lernen, ihnen freier zu begegnen.
Dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören, ist ein alter Gedanke. Vielleicht muss er dennoch von jeder Generation neu entdeckt werden.
